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Auch Oldies wollen tanzen.
Darum gibt es das «Kukuk»,
ein Exot in der Partyszene:
gar nicht hipp, eine uncoole Insel für alle.


Woody Allen zitiert in «Stadtneurotiker» einen Ausspruch von Groucho Marx, der den Typus des «Kukuk»-Partygängers auf den Punkt bringt: «Ich möchte nie einem Klub angehören, der Leute wie mich als Mitglieder aufnimmt». Das «Kukuk» ist dieser Klub.
Die meisten Menschen, die ihn an der Weinbergstrasse 68b besuchen, gehören da eigentlich nicht hin. Sie verirren sich, wenn schon, aus Neugier.

Woody Allens geduckte Typen

Sollten sie sich trotzdem wohl fühlen, so heben sie den Unterhaltungsaspekt hervor. Sie erkennen Woody Allens geduckten Typen, der sich entschuldigt, wenn er auf der Tanzfläche im Wege steht. Wen man auch fragt: Auch wenn keiner hingeht, so waren viele schon einmal da. Oder kennen den Klub zumindest vom Hörensagen. «Das ist doch für Leute über dreissig!», heisst es dann.

Das «Kukuk» sprang vor sechs Jahren in die Lücke, die das Ende des überaus beliebten «Club Shelter» am Sonntagabend im Kanzlei hinterliess.
Als es diesen Treffpunkt, eine Alternative zur jungen und immer jünger werdenden Klubkultur, plötzlich nicht mehr gab, trat das Fehlen solcher Anlässe erst recht zu Tage. Da ergriff Fernsehmann Paul Riniker die Initiative und forderte den heutigen «Kukuk»-Geschäftsführer Robert Winston auf, «etwas für unsereiner» zu machen. Er fand Gehör. Wo einst Pelze verkauft wurden, in einem unscheinbaren Lokal zwischen Coiffeursalon und Tea-Room, zogen die Partyvögel ein, bei denen das erste Grau im Federkleid keineswegs stört. Inzwischen sind Klubs für Leute ab dreissig keine Seltenheit mehr.

Am Anfang hiess die Samstagabendveranstaltung «Reifeklub». Jetzt nennt sie sich «Dance ü28», heruntergesetzt wurde auch das Alter.
Am Freitagabend, dem «FreiTanz», darfs auch etwas jünger sein. Überhaupt ist man bei der Altersgrenze nicht so restriktiv. Da droht auch keine Gefahr; Twens, obwohl nicht selten gesichtet, fühlen sich garantiert noch schneller im falschen Film.

Das «Kukuk» ist, seinem Namen gemäss, für die Every-Weekend-Besucher ein Nest und Familienersatz. Es gibt die Stammklientel, den harten Kern. Wo man in In-Klubs alles daran setzt, cool und trendy zu sein, fällt das «Kukuk» durch den bunten Gästemix auf. Gleichheit besteht hier darin, dass jeder etwas anders - sprich «komisch» - ist oder sich zumindest so fühlt. Unbekümmert pflegt man den persönlichen Stil - was mitunter auch peinlich berührt.

Im «Kukuk» kann man die Artenvielfalt der Spezies Mensch studieren.
Es ist ein Sammelbecken von unterschiedlichen sozialen Typen und intellektuellen Ausprägungen. Da gibt es den Lehrer, die Zeugin Jehovas, den Uni-Assistenten, die allein erziehende Mutter; den Surfertypen, die traurigen Latinas, den Psychiater; den Grafiker, die Fitnesstrainerin, den Sozialarbeiter; die Germanistikstudentin, den jungen Nordafrikaner, den Bürogummi.

Anmache und das Auf-der-Höhe-der-Zeit-Sein sind angenehm unanstrengend. Wer nebenan wohnt, hat im Klub sein «verlängertes Wohnzimmer». Mit strengem, elitärem Blick schlägt man Flirtblicke locker in die Flucht. Das «Kukuk» ist aber auch ein Aufreissschuppen. Es kann zu bösen Rivalitäten kommen, wenn der eine zuerst mit dieser, Wochen später mit jener . . . Hier finden sich Menschen, und es entstehen schöne Liebesgeschichten. Winston bilanziert: 15 Ehen, zwei Scheidungen.

Trash-Faktor

Das «Kukuk» ist der Klub der einsamen Herzen und der Unangepassten, der Zu-spät-Gekommenen und der Zyniker. Man müsse es vor allem vermeiden, so ein Kollege, bis zur «Trostpreisverteilete» morgens um vier Uhr zu bleiben. Einmal im Monat gibt es den Wunschkonzertabend «Wünschdirwas», im Sommer vor elf Uhr ist Einlass zum halben Preis. Das Interieur fördert die Erinnerung an unsere Klassenfeten. Billardtisch und Töggelikasten werden rege benutzt. In einem Tropenbild fliessen nonstop die Wasserfälle, der DJ (Beda, Heinz, Souldoc, Smartys, Winston) steht hinter einem in rotem Pelz gerahmten Guckfenster, auf den Sofas liegen Kissen in Herzform. Die Musik, von Soul, Funk, Disco, Pop bis Rai - beim Lieblingssong aller, Khaleds «Aicha», kommt Stimmung auf -, ist gerade so laut, dass man sich gut unterhalten kann. Hier klatschen die Tanzenden manchmal vergnügt in die Hände oder ziehen aus Wohligkeit die Schuhe aus.

Das «Kukuk» ist eine uncoole Insel, zu der man eine seltsame Treue hält - vielleicht gerade, weil man nicht dazugehört.
«Kukuk», Weinbergstrasse 68b
erschienen im Tagesanzeiger am 2.11.2002
© 2003 by Kukuk